READER'S DIGEST DEUTSCHLAND
June 2007

Eine feste Burg
Kurt Masur hat das Regime der DDR mit seinen sanften Einsätzen aus dem Takt gebracht. Im Juli wird er 80.

Andreas Gunther

Der mann ist ein Gigant. Er hat die New Yorker Philharmoniker geführt, das Leipziger Gewandhaus errichtet und mitgeholfen, ein politisches System vom Sockel stürzen. Und auch die körperliche Präsenz von Kurt Masur ist gewaltig: Die Tür im Pariser Hotel Meurice schwingt dynamisch nach innen, und ein Riese füllt den Rahmen - der perfekte Auftritt eines Mannes, der andere führt. Später, im Gespräch, wird der fast 80-Jährige wieder einmal sagen, dass er stets nur "Primus inter pares" sein wollte; Erster unter Gleichen - im Leipziger Gewandhaus, in den Reihen der New Yorker Philharmoniker wie heute als Chef des französischen Nationalorchesters und der Londoner Philharmoniker.



Doch wer fast zwei Meter groß ist und dazu diesen scharfen Blick über bis zu hundert Musiker werden im Gewandhaus Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss besungen. Überbleibsel einer Monate zurückliegenden Programmplanung, doch die Komposition hat Brisanz. In ihr treibt ein Anarchist Späße mit einem gänzlich humorlosen Bürgertum. Im Finale wird er aufgeknüpft.

Vor dem Konzert hat Kurt Masur über Rundfunk gesprochen und gemahnt: "Wir bitten dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird." Hunderttausende lauschen dieser Rede. Seine "ganze Kraft und Autorität" verspricht Masur für diesen Dialog einzusetzen - als Mitglied der "Leipziger Sechs", gemeinsam mit dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange, dem Theologen Peter Zimmermann und drei Sekretären der SED-Bezirksleitung.

Masur hält Wort: Er öffnet als Haus herr das Gewandhaus für politische Diskussionsrunden und stoppt dafür sogar eine laufende Plattenproduktion. Gemeinsam mit fünf anderen Prominenten veröffentlicht er wenig später die "Leipziger Postulate", die eine programmatische Grundlage für eine "Demokratische Republik Deutschland" formulieren. Masur sieht sich bis heute als "Politiker wider Willen", und doch wäre die friedliche Revolution in der Deutschen Demokratischen Republik wohl nicht friedlich verlaufen, hätte er sich nicht zwischen die Menschen und die Gewehre eines nicht mehr funktionierenden Staates gestellt.

Seine sanfte Autorität kommt an. Stand es wirklich einmal zur Debatte, dass er Staatspräsident der DDR, 1993 gar Bundespräsident werden sollte? "Ich habe gleich gesagt: Bin ich so ein schlechter Dirigent, dass ihr mich zum Politiker machen wollt?", erzählt Masur heute lächelnd. Und fügt hinzu: "Das Sicheinordnen-Müssen in eine gewisse Richtung ist politisch nicht mehr akzeptabel."

Nach der Wende 1989 wird Masur gerade dieses "Einordnen" in ein politisches System, in das der DDR, angekreidet. Es ergeht ihm wie vielen Künstlern, mit denen die sozialistische Republik ihr Kulturleben geschmückt hat. Die Stars von einst werden plötzlich kritisch beäugt. Konnte jemand in der staatstragenden Funktion des Gewandhauskapellmeisters unbefleckt bleiben von Parteifilz und Stasi-Verflechtung? Tatsache ist: Masur ist der SED nie beigetreten.

Die verletzendste Anfeindung aber lanciert erst Jahre später eine US-amerikanische Journalistin, gerade als Masur die Leitung der New Yorker Philharmoniker übernehmen soll: Masur hat im April 1972 seine Frau Irmgard verloren, bei einem Autounfall, bei dem er am Steuer saß und der noch zwei weitere Menschenleben forderte. Und der von der Staatsanwaltschaft nie umfassend aufgearbeitet wird. Nach dem Mauerfall kursieren Gerüchte, Kurt Masur habe sich durch Stasi-Kontakte einem Prozess entzogen.

Der Dirigent selbst erleidet bei dem Unfall Rippenbrüche, seine Finger werden so schwer verletzt, dass er keinen Taktstock mehr halten kann. Auch nicht mehr halten will - denn was noch schwerer wiegt: Masur will seinem Beruf abschwören, das Gefühl tiefer Sinnlosigkeit übermannt ihn. Die Musik und seine Musiker rufen ihn zurück. Allen voran: Johann Sebastian Bach - die aufrüttelnde, beeindruckende h-Moll-Messe ist am 7. Juni 1972 das erste Dirigat nach dem Unfall und Kurt Masurs ganz persönliches Zeichen des Gedenkens.

Was bleibt: Masur dirigiert seit dieser Zeit ohne Taktstock. Aus der Behinderung wird eine Überzeugung. Masurs Hände könnten den Stab längst wieder halten, doch er fühlt sich in seinen Gesten vom Orchester besser verstanden, und "manchmal verführt der Taktstock, das Orchester auf Distanz zu halten".

Was ebenfalls bleibt: Masur sieht die Familie als obersten Wert seines Lebens. Fünf Kinder stammen aus drei Ehen. Wer in seinem privaten Fotoschweifen lassen kann, wird wohl nie als Gleicher behandelt.

Die Musikgeschichte kennt nicht viele Dirigenten seines Formats. Kurt Masur verzichtet auf Herrscherallüren, seine Gesten sind mit den Jahren kleiner, aber nicht weniger intensiv geworden. Die rechte Hand vibriert im Rhythmus, die linke gibt nur sanft die Einsätze - das Eigentliche geschieht über die Augen. Kurt Masur ist der ideale Fels, auf den man eine Bruckner-Symphonie bauen kann. Allenfalls der verstorbene Otto Klemperer taugt noch zum Vergleich: ein Hüne wie Masur, aber cholerisch, streng und in seinen Klangidealen ein Bildhauer vor kühlem Marmor.

Masur dagegen ist extrem weit entfernt vom Abbild eines Deutschen Kapellmeisters - er peitscht nicht, doziert wenig und verführt oft mehr, als dass er führt. Die "weichen" Werte sind ihm wichtiger. Sein Brahms pocht nicht, sondern singt, und er dirigiert den sinnlichsten Schumann und den "protestantischsten" Bruckner - eben keine einschüchternd-katholischen Klangkathedralen, sondern tiefste Herzensmusik.

"In meinen Meisterklassen für junge Dirigenten erlebe ich, dass die meisten denken: ,Ich hatte doch ganz guten Erfolg'", erzählt Masur. Sein Credo gibt er dem Nachwuchs als Frage verpackt und frisch bist? Oder bist du verstanden worden als Botschafter des Komponisten?" In solchen Momenten erinnert sich Masur an seine alte Klavierlehrerin, die eben nicht zuerst technische Perfektion einforderte, sondern Gefühl für den Stil.

Masurs Laufbahn beginnt als Hindernisparcours: Die Eltern im schlesischen Brieg (heute: Brzeg) sind zunächst nicht von einer Karriere als Musiker begeistert, und mit 17 muss Masur in den Zweiten Weltkrieg ziehen - aus dem er so abgemagert zurückkommt, dass die Orchestermusiker bei seinen ersten Engagements in den späten Vierzigerjahren Angst haben, er könnte vor Schwäche vom Pult fallen. Der junge Korrepetitor und Kapellmeister lässt sich aber nicht beirren: "In keiner Station, selbst in der kleinsten, sollten die Leute daran zweifeln, dass ich länger bleiben würde. Ich wollte keine halben Sachen machen."

Kurt Masur rackert sich an kleinen Bühnen ab, steigt langsam auf, vom Kapellmeister in Halle zum Generalmusikdirektor in Schwerin, vom musikalischen Oberleiter an der Komischen Oper Berlin bis zum Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Auf diesem Weg lernt er vieles. Vor allem: durchhalten und nie die Liebe zur Musik verlieren.

Zur musikalischen Größe tritt die menschliche. Das Time Magazine ernennt Kurt Masur zum "eigenwilligen Vetter Martin Luthers". Ein streitbarer Geist, der unter dem Zwang der Zeit eine politische Bewegung unterstützt hat. Luther stand auf dem Felsen seines Glaubens - Masur wird stark durch die Liebe zu seinem Gewandhausorchester und seinem Publikum.

Leipzig, am Abend des 9. Oktober 1989: So muss sich der Albtraum aller Dirigenten anfühlen. Draußen bricht eine Welt zusammen, stehen Bürger einem gewaltbereiten Regime gegenüber, drinnen im Gewandhaus steht - so als sei nichts - gute Musik auf dem Programm. Im Herbst 1989 versammeln sich die Menschen in den Leipziger Kirchen zu Friedensgebeten - um dann danach vereint durch die Stadt zu ziehen. Zeitgleich flüchteten Tausende über die Grenzen der ehemaligen verbündeten Ostblockstaaten in den Westen. Die DDR steht vor der größten Konfrontation ihrer Geschichte: Das Volk will Veränderungen, die allmächtige Partei besteht auf Kurstreue - und entsendet bewaffnete Truppen. Kurt Masur meint noch heute dem Mitschnitt jenes Konzerts anzuhören, "wie mir die Hände gezittert haben".

Während Leipziger Bürger in Todesangst um den Ring marschieren, album blättert, ist überrascht, wie oft alle Kinder zusammenkommen. Die Großfamilie, die sich um die Vaterfigur schart. Natürlich dominiert auf den Fotos die hochgewachsene Gestalt des Dirigenten. Doch das geheime Familienoberhaupt ist weiblich: Seit 32 Jahren ist Masur mit der japanischen Bratscherin und Sopranistin Tomoko Sakurai verheiratet. Sie ist die Kraft- und Ruhequelle in Masurs Leben: "Meine Frau hat das Leipziger Haus mit einer unwahrscheinlichen Liebe ausgestattet. Es ist paradiesisch."

Das wichtigste Gebäude in Masurs Leben bleibt jedoch "sein" Gewandhaus. Zu DDR-Zeiten hat Masur durchgesetzt, dass gegenüber dem Leipziger Opernhaus ein echter Konzertsaal gebaut wird - eben kein Multifunktions-Scheusal nach sozialistischem Ideal. Der Bau belastet den Haushalt der DDR schwer. Nach heutigem Wissen darf man sogar sagen, dass Renommier-Projekte wie das Gewandhaus und die Semperoper in Dresden den Staat über den Rand des Ruins getragen haben.

Nachdem Kurt Masur im Oktober 1981 Erich Honecker durch die neuen Räume geführt hat, meinen Kritiker, er habe den Staatsratsvorsitzenden zu überschwänglich hofiert. "Entschuldigen Sie", fragt Masur heute: "Was soll ich als Hausherr tun, wenn der Staatspräsident das Haus betritt? Der es gebaut hat, in einer schwierigen Situation seines Landes?" Die Kritik tut seiner internationalen Karriere jedoch keinen Abbruch. Noch im selben Jahr tritt Masur das erste Mal als Gastdirigent an das Pult der New Yorker Philharmoniker.

Knapp zehn Jahre später steht eine Abordnung der Philharmonie Society aus New York vor ihm. Masur trifft die Herren im März 1990 in Salzburg, wo er als Ersatz Karajans die Osterfestspiele übernommen hat. Und dann kommt schließlich die Frage, von der Masur sagt, dass er auf sie "in keiner Weise vorbereitet sein konnte" - "als mich die Herren fragten, ob ich bereit wäre, die Leitung der New Yorker Philharmoniker zu übernehmen". Er ist bereit.

Masur verleiht dem weltberühmten, mitunter überbrillanten Orchester wieder Erdanbindung. Man kennt sich bereits durch die Gastdirigate in den 80er-Jahren, ein Orchestermitglied hat damals schon prophezeit, was später die Zeit mit Masur prägen soll: "Alle Dirigenten kommen zu uns, um Karriere zu machen oder Chef zu werden. Masur kommt, um mit uns zu musizieren."

Die New York Times begrüßt Masur frenetisch: "Werden Sie, was Sie in Leipzig sind - der kulturelle Wegweiser dieser Stadt!" Kurt Masur gönnt sich zwei künstlerische Ehen, denn das geliebte Amt des Gewandhauskapellmeisters möchte er nicht aufgeben - das Flugzeug wird damit so etwas wie sein dritter Wohnsitz.

Heute gibt er zu: "Um meine Frische zu erhalten, brauche ich natürlich jetzt mehr Erholungspausen. Auf dem Weg nach New York bin ich oft mit der Concorde geflogen - und am nächsten Morgen setzte ich schon die nächste Probe an. Es war ein Wahnsinn - aber es war auch eine Herausforderung, der ich mich einfach stellen musste."

Mit fast 80 Jahren ist Kurt Masur kein Getriebener, aber ein Mann der Arbeit. Seit 2002 ist er Chef des Orchestre National de France, bereits seit 2000 Erster Dirigent des London Philharmonie Orchestra, er ist Ehrengastdirigent des Israel Philharmonie Orchestra sowie "Music Director Emeritus" der New Yorker Philharmoniker - und natürlich Ehrendirigent des Gewandhausorchesters.

Seine Homepage (www.kurtmasur.com) listet ein Pensum auf, das sich selbst deutlich jüngere Dirigenten nicht zumuten würden. Die Städte der Welt jagen einander im Wochenrhythmus: Paris, London, New York, Amsterdam, Cleveland - und immer wieder Leipzig.

Ein Leitspruch für dieses Leben? Vielleicht der gleiche Satz Senecas, den Masur nach alter Gewandhaus-Tradition über dem Spieltisch der Orgel in "seinem" Gewandhaus anbringen ließ: "Res severa verum gaudium." Wahre Freude ist eine ernsthafte Sache. Und von allen Ehrenzeichen, Orden und Titeln wird ihn eine Ehrung am meisten gefreut haben: Die Bauarbeiter des Gewandhauses ernannten ihn, zwanzig Jahre nach der Einweihung, zum "Ehrenzimmermann".