Dresdner Neueste Nachrichten
June 2, 2009

Masur – Mutter – meisterhaft
Glanzvolles Philharmonie-Sonderkonzert

Hans-Peter Altmann

Ausverkauft war der Abend schon viele Monate. Es waren eben die beiden Namen, die wie Magnete wirkten: Philharmonie-Ehrendirigent Kurt Masur mit der großen Geigerin Anne-Sophie Mutter. Der 200. Geburtstag Felix Mendelssohn Bartholdys bestimmte den ersten Teil. Gerade im Violinkonzert e-Moll sind die beiden Interpreten in letzter Zeit zu einer kaum zu überbietenden Einheit zusammengewachsen. Nicht umsonst ging der Leipziger Mendelssohn-Preis 2007 an Masur, 2008 an Mutter. Der Solistin gelangen schon die ersten Töne hinreißend, womit die hohen Erwartungen spontan noch gesteigert wurden. Sie zog mit dem blühenden Ton besonders in den innigen Passagen in ihren Bann. Dort, wo sie die Lautstärke aufs Äußerste reduzierte, folgte ihr das Orchester in idealer Partnerschaft. Aber die Einheit der Auffassung, des Ausdrucks fesselte durchgängig und führte selbst bei energischerem Zugriff in weite Entfernung von allem Irdischen. Im Andante zauberte sie einen Ton, der vom Himmel niederzukommen schien – nicht von dieser Welt waren diese Klänge. Der Finalsatz birgt enorme technische Schwierigkeiten. Diese existierten in Mutters Interpretation nicht. So war Raum, ein wahres Feuerwerk zu entzünden, dessen leidenschaftliche Farbe den Atem anhalten ließ. Masur stellte eine deutlich inspirierte Partnerschaft an die Seite. Der großartigen Begeisterung der Zuhörer folgte eine Bach-Zugabe, für mich eine Hommage an Leipzig unter dem Motto "Mendelssohn grüßt Bach".

Das Publikum weiß um das Besondere der Konzerte unter Kurt Masur. So fiel schon die Begrüßung sehr herzlich aus. Man freut sich, dass er in der kommenden Spielzeit mehrfach zu erleben sein wird, zu den Musikfestspielen 2010 wieder in einem Sonderkonzert. In der einleitenden Ouvertüre "Die Hebriden" von Mendelssohn Bartholdy schien sich mir die Aufstellung der Kontrabässe längs hinter dem Orchester wie auch später als günstig zu erweisen. Masur dirigierte sparsam, aber mit enormer Ausstrahlung. Schon hier folgten die Philharmoniker seiner Suggestionskraft, dynamische Prozesse klug zu dosieren.

Die Wiedergabe der 9. Sinfonie Antonín Dvoráks (dem Festivalmotto "Aus der neuen Welt" entsprechend) wurde zu einer Sternstunde. Wie spannend gestaltete Masur die zögernde Einleitung zum 1. Satz, bevor er dessen Thema 1 in seiner Vielfalt vorstellte. Sogleich hörte man, wie er den zahlreichen Soli Zeit zur Entfaltung ließ (Soloflöte mit Thema 2). Die sorgfältige Nuancierung war auch ein Ergebnis der Gestaltung im Prozess der Arbeit, von Masur frisch und wach gesteuert. Unter den vielen sehr gelungenen Soli nennen wir Isabel Hils, die auf dem Englischhorn die schlichte Melodie im Largo geschmackvoll und zauberhaft blies. Auf den Punkt genau, dabei mit musikalischem Schwung, traten die Holzbläser im volkstümlichen Scherzo auf, höchst lebendig und überzeugend. Mit festem Griff, aber auch mit Vorführung dynamischer Feinarbeit, forderte Masur Intensität, mit der das Orchester voller Hingabe aufwartete. Einem stürmischen Finale folgte ebensolcher Beifall – stehend und lang anhaltend, so dass der seltene Fall einer "Orchesterzugabe" dankte: Dvoráks "Slawischer Tanz" Nr. 10. Auf Wiedersehen, Kurt Masur, im April 2010!