Berliner Morgenpost
September 8, 2009

Kurt Masur dirigiert liebevoll die "Leningrader Sinfonie"


Volker Tarnow

Schostakowitschs 7. Symphonie, die so genannte "Leningrader", wurde lange Zeit als Kriegssymphonie gehört, als ein Dokument des Kampfes gegen Hitler-Deutschland. Mittlerweile wird auch sie, wie die 5. und 8. Symphonie, mehr auf innerrussische Verhältnisse bezogen, auf Unterdrückung, Völkermord und die Angriffskriege der Roten Armee gegen Polen und Finnland.

Die UdSSR war beim Überfall der Wehrmacht 1941 kein Paradies, und Schostakowitschs "Leningrader" soll diese Zustände denn auch abbilden.

Zuverlässige Belege gibt es für diese neue Lesart allerdings nicht. Es gibt nur die Musik, und die birgt tatsächlich einige Indizien, dass es sich hier weniger um ein pathetisches Propagandastück handelt, sondern um rein menschlichen Protest. Bei Kurt Masur und dem London Philharmonic Orchestra, die im Rahmen des Musikfestes in der Philharmonie einen Riesenerfolg feiern konnten, fielen denn auch die besonders liebevoll artikulierten leisen Stellen auf. Schon der Beginn, angeblich ein Jubellied auf das friedliche Leben der Werktätigen vor Hitlers Überfall, klang sehr gebremst. Kurt Masur, mittlerweile 82 und nicht mehr so wild wie noch vor zehn Jahren, wusste vor allem den lyrischen Passagen eine individuelle Farbe zu geben.

Das Philharmonic gilt, unerachtet seines Namens, nicht als bestes Orchester Londons. Aber einen derart warmen, glühenden Geigenton wie im Adagio sollen ihnen die anderen erst einmal nachmachen. Die Stimmführer an den ersten drei Pulten, ekstatisches Spiel mit höchster Präzision verbindend, leisteten Phänomenales. Wunderbar auch die Bratschen, insbesondere im Verein mit den Hörnern.

Das ganze Orchester war bestens aufgestellt, das Blech klug entzerrt. Die Schlussapotheose mied billiges Triumphgeheul. Dass hier die Struktur merklich zerbröselte, ist dem Werk, nicht der Interpretation geschuldet. So saßen wir denn wieder mal betroffen - den Krieg gewonnen, alle Fragen offen.