KÖLN-BONNER MUSIKKALENDER
October 2008

Alle Beethoven-Sinfonien aus einer Hand

Es darf schon als ein Glücksfall betrachtet werden, beim Beethovenfest einmal sämtliche neun Sinfonien "aus einer Hand" geboten zu bekommen, wenn es sich dabei ergibt, dass Orchester wie Dirigent dies zu einer wahren Herzenssache machen, und diesen Eindruck gewann man durchaus bei den Gästen des Orchestre National de France, die von ihrem inzwischen 81 jährigen Chef Kurt Masur zu sehr engagiertem und auf viele Feinheiten bedachten Spiel angehalten wurden. Indem dieser Zyklus auf nur vier Abende angelegt war, geriet der erste, bei dem die Nummern Eins und Zwei sowie die überlange "Eroica" zu hören waren, recht ausgedehnt, was aber keine Einbuße bezüglich der Spannkraft und Spielfreude hervor rief; ja man gewann sogar den Eindruck, dass die Musiker diese enorme Herausforderung mit besonders großer Intensität annahmen. Beeindruckend ist ohnehin die hohe Spielkultur dieses Orchesters, die über einzelne Ungenauigkeiten triumphiert, die auch den Besten hin und wieder unterlaufen, wenn sie eben nicht „auf Sicherheit" spielen, sondern auch einmal etwas wagen, was an die spieltechnischen Grenzen geht, und hierfür bieten Beethovens Partituren immer noch genügend Angriffsflächen. Masur musiziert aus der großen Erfahrung heraus, die er in Jahrzehnten währender Beschäftigung mit diesen Partituren (einschließlich intensiven Quellenstudiums) gewonnen hat, und so klingt eigentlich alles überzeugend und „richtig" in Klang und Tempo, durchaus traditionellen Vorbildern verpflichtet, zu denen Masur ausdrücklich auch Wilhelm Furtwängler rechnet - den nach dem großen Interpreten benannten Preis verlieh man ihm während des letzten Konzerts vor einer bewegenden Aufführung der "Neunten" mit einem hervorragend besetzten Solisten-Quartett und dem schlagkräftigen Choeur de Radio France, die sich mit dem Orchester zu mitreißendem Final-Jubel vereinten. Aufs Ganze gesehen fiel der Verzicht auf extreme dynamische Kontraste auf, was stellenweise (etwa gegen Ende der „Pastorale") doch zu einem gewissen Spannungsverlust führte. Höhepnkte des Zyklus waren die Vierte und die Siebte, deren langsame Einleitungen sich intensiv aufbauten und deren Finalsätze sehr brillant heraus kamen. Fazit: Ein Beethoven, nach bestem Wissen und Gewissen für den Hörer von heute musiziert.