|
Neue Zürcher Zeitung June 11, 2009 Bruckner, der Moderne Peter Hagmann Gut möglich, dass Kurt Masur dereinst für seine mutigen Worte bei den Leipziger Montagsdemonstrationen von 1989 in die Geschichte eingehen wird – was darum ungerecht wäre, weil der bald 82-jährige Dirigent zuallererst ein grossartiger Musiker ist. Ein Kapellmeister im würdigsten Sinn des Wortes, ein Dirigent also jener deutschen Tradition, die heute nur mehr von wenigen Vertretern dieses Berufsstandes verkörpert wird. Und ein Interpret, der die Notentexte nicht nur ungewöhnlich beim Wort nimmt, sondern sie kreativ befragt und sie von den verschiedensten Seiten her beleuchtet; die Konsequenz aber, die er dabei walten lässt, sie kann, wie das Gastspiel Masurs beim Tonhalle-Orchester Zürich jetzt an den Tag bringt, zu schlechterdings überwältigenden Ergebnissen führen. Instrumentales Singen In grosser Besetzung, von den sechzehn ersten Geigen bis zu den acht Kontrabässen, sind die Musiker auf dem Podium versammelt – dabei: Steht auf dem Programm nicht die Sinfonie Nr. 4 von Felix Mendelssohn Bartholdy, die «Italienische» in A-Dur, die doch so rasch und leicht daherkommt? Schon in den ersten Takten des Allegro vivace, dessen Exposition von Masur selbstverständlich wiederholt wird, stellt sich Überraschung ein. Gemächlich geht Masur diesen Kopfsatz an, wie von selbst scheint die Musik ins Fliessen zu kommen, und der warme, volle Ton des Orchesters, der von den ersten Violinen überstrahlt wird, erzeugt eine Atmosphäre gelöster Serenität. Keine Spur von jener hochgetriebenen Virtuosität, die hier oft zur Schau gestellt wird; der Akzent liegt eher auf dem Singen und, damit verbunden, der gepflegten Phrasierung. Das ist Arbeit am Text und Interpretation zugleich – wie auch die Fortsetzung zeigt. Im Andante con moto des zweiten Satzes stellt Masur den Gegensatz zwischen den gebundenen Melodien in Vierteln und der gestossenen Begleitung in Achteln sorgfältig, aber ohne Zeigefinger heraus, so dass der Satz vom Kontrast zwischen weit ausgreifenden Linien und einem steten Schreiten lebt. Während der Saltarello des Finales, den der Dirigent mit einem Minimum an Zeichengebung, aber einem von Kopf bis Fuss vibrierenden Körper im Griff hält, temperamentvolles Profil bekommt. Auch da keine Spur von Show, die Musik Mendelssohns wird vielmehr fruchtbar wider ihre Rezeptionsgeschichte gedeutet. Strukturelles Deuten Zur Offenbarung wird nach der Pause die andere Vierte des Abends, jene von Anton Bruckner. Auch da herrschen Umsicht und Sorgfalt im Anlegen des Beginns mit seinem Streicherteppich und dem vierfachen Ruf des Solohorns (das sich an diesem Abend ausnehmend gut bewährt). Wird dieser Ruf gleich darauf von den Holzbläsern aufgenommen, kann man die exquisite Mischung der Farben bewundern und sich wenig später an dem kraftvollen, aber keineswegs monumentalen Fortissimo freuen. Überhaupt herrscht in dieser Auslegung von Bruckners Vierter eine Weichheit und eine Geschmeidigkeit, die hören lässt, wie hier das eine aus dem anderen herauswächst. Mit einer deutschen Art der Bruckner-Deutung, sofern es sie denn gibt, hat das wenig zu tun, viel aber mit aktuellen Strömungen in der Interpretation dieser Musik. Wie Masur aber – aufrecht, auswendig und wie stets ohne Taktstock – in dem Riesengebilde dieser Partitur die Tempi gestaltet, wie er sie spannt, ja sie bisweilen fast bis zum Stillstand bringt, das zeugt von echter Altersradikalität. Es ermöglicht dem Dirigenten, Strukturen offenzulegen und zu zeigen, in welchem Mass Bruckner auch in seiner "Romantischen" ein Moderner ist: im Verfolgen von Linien selbst um den Preis herber Dissonanz. Und es erlaubt ihm, die grossformale Architektur in ihrer ganzen Majestät nachvollziehbar zu machen. Selten kann man im vierten und letzten Satz dieser Sinfonie die Verbindung zwischen zwei einander widersprechenden Prinzipien, nämlich zwischen dem Aneinanderreihen von Verläufen und deren Ausrichtung auf ein Ziel hin, so eindringlich hören, wie es hier der Fall ist. Am Ende gab es einen Moment gebannter Stille, dann Ovationen sondergleichen, zu denen sich das Publikum sogleich erhob – und das, bitte sehr, im Dienstagsabonnement. |


